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Vergebung – so schaffst du es!


Die Tränen der jungen Frau, die auf meiner Praxisliege liegt, sind gerade getrocknet. Eben noch schilderte sie mir, wie sie damals in der Grundschule von ihren Mitschülern gemobbt und gedemütigt wurde. „Wie konnten sie mir das nur antun? Ich hab doch gar nichts getan!“ In der Visualisierung schauen wir uns an, weshalb die Kinder damals so grausam waren, was ihr eigener Schmerz war, der sie veranlasst hat, sich so zu verhalten und langsam kann die Klientin sehen, dass das was damals geschah mehr mit den Mitschülern, als mit ihr zu tun hatte. „Bist du bereit, ihnen zu vergeben?“ Ein entscheidender Moment in dieser und jeder einzelnen mindTV Sitzung … Wie hättest du geantwortet?

Vergebung ist ein schwieriges Thema, da es so oft missverstanden wird. Wir glauben, dass das, was uns angetan wurde einfach weggewischt, unter den Tisch gekehrt und entschuldigt wäre wenn wir vergeben. Wir glauben, dass dann alles einfach vergessen ist, als wäre nichts geschehen. Dabei hat man uns doch so großes Leid zugefügt oder fügt es uns aktuell noch immer zu. 

Wem ich die Schuld gebe, dem gebe ich die Macht

Doch auf diese Weise begeben wir uns in eine ungünstige Position, stehen unterhalb desjenigen, der uns diesen Schmerz zugefügt hat und befinden uns im Opferdasein. Ich bin das Opfer und da ist der Täter. Wer hat hier die Macht? Wem ich die Schuld gebe, dem gebe ich die Macht. 

Ich war’s nicht!

Kennst du diese T-Shirts, die Kinder manchmal tragen mit der Aufschrift „Ich wars nicht“? Und kennst du das unter Geschwistern, dass sie sich gegenseitig die Schuld zuweisen wie den schwarzen Peter? „Das war ich nicht, das hat er gemacht!“ Oder „Das kam einfach so, ich konnte nichts dafür!“ Niemand nimmt gerne Schuld auf sich – ausgenommen Menschen, die unter einer Depression leiden und sich häufig an allem die Schuld geben. Schuld schieben wir gern weiter, an den nächsten, wie eine heiße Kartoffel, an der wir uns verbrennen könnten.

So sind wir sehr viel empfindlicher bei Unrecht, das UNS zugefügt wird, als Unrecht, welches wir selbst den ANDEREN antun. So schmücken wir die brenzlige Verkehrssituation, in der uns der rote Kombi die Vorfahrt nahm aus bis ins kleinste Detail und vergessen getrost, dass wir selbst auch schon mal dem Anderen noch kurz vor knapp und mehr oder weniger elegant vor die Windschutzscheibe gekurvt sind. 😅

Tipp für Perfektionisten

Die Krux ist: je höher meine Ansprüche an mich selbst, je perfektionistischer ich veranlagt bin und Fehler weder mir noch anderen zugestehen kann, umso schwerer fällt es mir zu vergeben. Wenn ich mir selbst keinen Schnitzer erlaube, habe ich insgeheim die selben Ansprüche an Andere. Wie könnte ich da vergeben? Wenn ich es hingegen schaffe, mir selbst Fehler zu erlauben und mir selbst dafür zu vergeben, dann gelingt mir das auch leichter mit den Übeltätern aus meiner Vergangenheit oder Gegenwart. Wie so oft, dürfen wir also auch bei der Vergebung zuerst auf uns selbst schauen. Habe ich schon gelernt, Fehler nicht so wichtig zu machen? Habe ich schon erkannt, dass ich selbst auch chronisch menschlich unvollkommen bin? Pflege ich schon einen wohlwollenden Umgang mit mir und meinen „Missetaten“?

Warum überhaupt Vergebung?

Ganz einfach: um weiter zu kommen. Wenn ich nicht vergebe, halte ich an altem Leid fest, schaue immer wieder in die Vergangenheit und begründe meine Unzulänglichkeiten mit Erfahrungen aus der Kindheit. Versteh mich hier richtig: uns zugefügtes Unrecht in der Kindheit prägt uns sehr und es gilt dies mitfühlend zu würdigen und die Gefühle in all ihren Facetten zuzulassen und zu spüren. Doch irgendwann dürfen wir uns davon lösen und die Vergangenheit in der Vergangenheit lassen. Das ist ja das Gute: Vergangenes ist vergangen und kommt nie wieder. Es sei denn, wir holen es immer wieder in unsere Gegenwart, erinnern uns, machen Vorwürfe, fühlen uns erneut als Opfer und kommen so keinen Schritt voran.

Entwicklung heißt ja so, weil wir uns ent-wickeln. Uns auswickeln aus den Erinnerungen, den Gefühlen von damals, den Anklagen und Vorwürfen, um dann frei zu sein und den nächsten Schritt zu tun. 

Weg mit der Anklage

Die Vorsilbe „ver“ bedeutet eine Verneinung und das Wort „zeihen“ bedeutet „Anklage“. Jemandem zu verzeihen heißt, die Anklage wegzunehmen, aufzuhören Vorwürfe zu machen und dem Anderen die Macht über sein Leben zu geben. 
Vergebung und Verzeihung werden dabei oft synonym verwendet. Dennoch ist verzeihen eher mit einer sozialen Interaktion verbunden, bei der der Schädiger den Geschädigten um Verzeihung bittet. „Verzeih mir, es tut mir leid.“ 

Behalte die Vergebung für dich

Aus Sicht der Individualpsychologie sollten wir Vergebung rein innerlich vollziehen, ohne dem anderen dies mitzuteilen. Behalte also für dich, wenn du jemandem vergeben hast, um kein Gefälle aufzubauen. Denn insgeheim holst du dir die verlorene Macht zurück, indem du darüber entscheidest, ob dem Anderen seine Tat vergeben wird oder nicht. Da hat der Ehemann schon 50x für ein und die selbe Sache um Verzeihung gebeten doch die Frau bleibt hart. „Wie könnte ich ihm vergeben, dann käme er einfach so davon? Nein, er soll leiden und solange ich nicht vergebe, weiß er was er mir angetan hat.“ So leiden beide und kommen keinen Schritt voran.

Was falsch war, bleibt falsch!

Vergebung dient nur uns selbst, nicht demjenigen, der uns verletzt hat. Genauso, wie unsere Wut, unser Groll und unser Hass nur uns schadet, aber nicht dem, der uns Unrecht getan hat. Und nochmal: nicht die Tat wird vergeben. Was falsch war bleibt falsch. Durch Vergebung lösen wir uns und den Schädiger aus den Fesseln der Vergangenheit und lösen damit auch die Verbindung zum Täter. Es ändert sich ja nichts an der Vergangenheit, auch wenn wir noch so viel Hass empfinden. Was geschehen ist, ist geschehen und jedes negative Gefühl bindet uns an die Erinnerung und an den Täter – un-sichtbar, aber spürbar!

Was willst du in dein Leben ziehen?

Vielleicht ist Vergebung ja lohnenswerter für dich, wenn du dir bewusst machst, dass alles was du ausstrahlst zu dir zurückkommt. Gemäß dem Gesetz der Resonanz kommen genau solche Ereignisse in dein Leben, die zu deiner aktuellen energetischen Schwingung passen. Strahlst du Hass, Groll und Wut aus, ziehst du Ereignisse an, die noch mehr Hass, Groll und Wut herbeiführen. Schaffst du es hingegen zu vergeben, so wird auch dir vergeben und du ziehst eine vergebungsreiche versöhnliche Zukunft an. Wäre das was für dich?

2 Schritte – so kannst du anfangen
  • Entscheide dich! Wie so oft beginnt alles mit einer Entscheidung. „Ja – ich will vergeben. Auch wenn ich das nicht auf Anhieb kann und vielleicht ein wenig länger brauche, ich will vergeben und mich endlich von den Fesseln der Vergangenheit lösen!“ Allein das müsste dir schon ein kleines Hochgefühl bescheren! Vielleicht musst du diese Entscheidung immer wieder neu treffen. Trickse dich nicht selbst aus, indem du dir sagst „Ich will ja, aber ich kann nicht.“ Denn meist ist es ein „Ich könnte – aber ich will nicht!“ Die Gründe dafür habe ich oben beschrieben.
  • Alles Gute! Weißt du, was mir gut geholfen hat und nach wie vor hilft? Ein Tipp von Bodo Schäfer: fang an, denjenigen in deinem Leben, die dich sehr haben, aufrichtig und reinen Herzens alles Gute zu wünschen. Nur für dich, nur im Stillen. Stell jede Person, der du vergeben willst mental vor dich und sage ihr aufrichtig, dass du ihm oder ihr alles Gute wünschst. Das löst dich von seiner oder ihrer Tat, löst dich von den Vorwürfen und ist ein Schritt in deine verdiente Freiheit. Mach dich auf den Weg. Du kannst das! Fang an! Und irgendwann, irgendwann kannst du vielleicht auch genauso ehrlichen Herzens innerlich sagen „Ich vergebe dir!“ – und es auch so meinen und fühlen. 

Übrigens … die Klientin auf meiner Liege hat es getan! 💚


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