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Zu viele Baustellen? So findest du den Anfang


Es gibt Zeiten in unserem Leben, da spüren wir: alles gerät aus den Fugen. In der Beziehung kriselt es. Waschmaschine, Fernseher und Auto geben gleichzeitig den Geist auf und bringen uns in eine finanzielle Schieflage. Es gibt Ärger mit den Kindern, Freundschaften brechen auseinander und am Arbeitsplatz gibt’s schlechte Stimmung. Puh! Wo soll man da beginnen? Wie den Anfang finden, der den Weg zurück zur Ordnung ebnet? In diesem Beitrag zeige ich dir, wie ich mit Klienten den Startpunkt und die ersten Schritte erarbeite und wie auch du für dich einen Anfang finden kannst.

Nur aus dem Chaos kann eine neue Ordnung entstehen!

In meiner Praxis erlebe ich es oft, dass Klienten das Gefühl haben, ihr ganzes Leben versinke im Chaos. Kein Stein scheint mehr auf dem anderen zu stehen und der Überblick ist verloren gegangen. Meist sagt der Klient dann „Ich bin ein besonders schwerer Fall.“ Dass dem nicht so ist, finden wir meist schnell heraus.

Meine Beratung fußt auf der sog. Individualpsychologie von Alfred Adler. Alfred Adler lebte etwa zur selben Zeit wie Sigmund Freud, jedoch trug er seine Psychologie nicht in die akademische Welt, sondern wollte eine Psychologie für das Volk entwickeln. So war Adler häufig in den Wiener Kaffeehäusern zu finden, im Gespräch mit den Bürgern Wiens. Ihm war es wichtig, dass seine Psychologie pragmatisch und praktisch umsetzbar war. So verzichtete er auf komplizierte Theorien und abgehobene Sprache. Insbesondere die Pädagogik profitierte sehr von seinen Ideen (daher auch mein Steckenpferd die Erziehung von Kindern ;-)).

Die 3 Aufgaben unseres Lebens

Während seiner Laufbahn definierte Adler 3 Lebensaufgaben. Die Liebe, die Arbeit und die Gemeinschaft. Mit diesen Aufgaben werden wir alle in unserem Leben konfrontiert und wir werden uns ein Leben lang mit ihnen auseinandersetzen. Wir sind also nie fertig 😉

Liebe: damit ist der Umgang mit unserem Partner, aber auch mit unseren Kindern, unseren Eltern und auch unseren Schwiegereltern gemeint. Bin ich immer noch das Kind sobald ich mit meinen Eltern zusammentreffe? Haben alte Muster aus meiner Kindheit weiterhin Bestand? Kann ich meine Kinder akzeptieren wie sie sind? Mit ihrer eigenen Persönlichkeit? Kann ich meinen Partner lassen wie er ist, auch wenn nicht alles nach meinem Geschmack ist?

Arbeit: diese Lebensaufgabe bezieht sich auf jede Tätigkeit, die wir kontinuierlich und mit Verantwortung ausüben. Es muss sich dabei nicht um eine Erwerbstätigkeit handeln. Es kann auch die Erziehung der Kinder sein, die Bewältigung des Haushalts, die Pflege eines Angehörigen usw. Habe ich eine positive Einstellung zu meiner Arbeit? Kann ich meinen evtl. vorhandenen Chef und meine Kollegen akzeptieren? Wie viel Raum nimmt die Arbeit in meinem Leben ein? Evtl. zu viel?

Gemeinschaft: bezieht sich auf den Umgang mit allen anderen Menschen, die nicht zu den Lebensaufgaben Liebe und Arbeit gehören. Dies sind Freizeitkontakte in Vereinen, beim Sport usw. aber auch der Umgang mit der Natur, mit Tieren und der Erde. Gut gelebt ist dieser Bereich eine Quelle der Freude.

Nun, nachdem ich dir die 3 Lebensaufgaben vorgestellt habe, kannst du für dich ein Resümé ziehen. Wie zufrieden bist du zur Zeit in der jeweiligen Lebensaufgabe? Nutze dazu gerne eine Skala von 0 – 10 wobei 0 = sehr unglücklich bedeutet und 10 = maximale Erfüllung.

Sagen wir, du erlebst in der Aufgabe Liebe eine 5, in der Aufgabe Arbeit eine 4 und in der Aufgabe Gemeinschaft eine 3. Das ist alles nicht sonderlich berauschend und man ist geneigt zu fragen „Was ist denn da los? Was läuft denn alles schief, dass du z.B. der Lebensaufgabe Arbeit nur einen Zufriedenheitswert von 4 gibst?“

Das kann man so machen. Doch wir Individualpsychologen (und natürlich auch andere psychologische Schulen) schauen immer (auch) auf das Gute. Was funktioniert denn noch in der Lebensaufgabe Arbeit? Was macht die 4 noch aus? Was gefällt dir? Was ist gut daran? Sofort findet ein Shift im Zustand des Klienten statt. Der Blick auf das Gute führt zu etwas Gutem – nämlich zu einem besseren Gefühl und bei so manchem schleicht sich die Erkenntnis ein, dass er gar kein so „schwerer Fall“ ist, sondern dass es auch viel Positives in seinem Leben gibt und er selbst zu diesem positiven Anteilen beiträgt.

Wenn alles den Bach runter geht

Wenn es in einer Lebensaufgabe den Bach runter geht, bleiben die anderen Aufgaben nicht unberührt. Wie bei einem Mobile wirkt sich eine gravierende Veränderung in einer Lebensaufgabe auch auf die übrigen Lebensaufgaben aus. Die Abwärtsspirale schwappt sozusagen auf die anderen Lebensaufgaben über.

Ein Beispiel: verzeih mir, dass ich das leidige Thema Corona anspreche, doch daran kann ich gut demonstrieren, was ich meine. Versetz dich noch einmal in die Zeit zu Beginn der Coronakrise zurück. Stellen wir uns dazu einen selbständigen Eventmanager vor, der plötzlich damit konfrontiert ist, dass all seine Aufträge der nächsten Wochen und Monate abgesagt werden. Das reißt ein großes Loch in die Lebensaufgabe Arbeit. Das Einkommen bricht weg, Anerkennung und Belohnung durch gelungene Veranstaltungen werden nicht mehr erteilt und neue Aufträge können nicht generiert werden.

Wie ein Turm aus Sektgläsern

Kennst du diese Türme aus Sektgläsern, wie sie manchmal bei Hochzeiten verwendet werden? Sie sind aufgebaut wie eine Pyramide mit einem einzelnen Glas ganz oben als Spitze. Dieses Glas wird mit Sekt gefüllt und weiter gefüllt, auch wenn es schon längst überläuft. Mit dem was zu viel ist, werden die Gläser auf der nächsten Ebene gefüllt, bis auch diese überlaufen und die Ebene darunter füllen.

Genauso ist es bei den Lebensaufgaben: findet ein Einbruch in einer Lebensaufgabe statt, wirkt sich das auf die anderen Lebensaufgaben aus. Unser Eventmanager aus dem Beispiel wird herausgefordert, mit den finanziellen Einbußen und der fehlenden Anerkennung und Wertschätzung zurecht zu kommen. Wie wird ihn wohl seine Partnerin zu Hause erleben? Über die Wochen und Monate hinweg? Wird er gut gelaunt und fröhlich pfeifend morgens aus dem Bett springen? Oder eher missmutig und ängstlich bis hin zu gereizt am Frühstückstisch sitzen?

Jetzt fällt die Gemeinschaft weg. Aufgrund der behördlichen Anordnungen sind soziale Kontakte auf ein Minimum reduziert worden. Keine Vereinsaktivitäten mehr, kein Fitnessstudio zum Auspowern, kein Lauftreff und kein Yogakurs. Familien und Lebenspartner sind an die Wohnstätte gebunden und hängen aufeinander. Kinderfremdbetreuung Fehlanzeige. Wehe dem, wenn du keinen Balkon oder Garten hast. Streit ist vorprogrammiert, Differenzen kaum zu vermeiden. Wir sehnen uns nach ein bisschen Zeit für uns allein.

Dabei fing alles doch in der Lebensaufgabe Arbeit an.

Übrigens geht das Ganze auch umgekehrt: bist du schwer verliebt (Aufgabe Liebe) geht die Arbeit leichter von der Hand und du kannst über die Macken deiner Freunde eher lachen. Das Mobile reagiert also auf positive wie negative Veränderungen. Und dass sich alles ändert ist das einzig stabile im Leben, oder?

Wie rein – so raus

Wie kommen wir raus aus dieser vielfach hoffnungslosen Situation? Aus diesem Chaos und Durcheinander? Nun: genauso wie wir rein gekommen sind.

Wir können nicht an 5 verschiedenen Stellen alles gleichzeitig verändern. Wenn du gleichzeitig deinen Schrank ausmisten, die Betten neu beziehen, Fenster putzen und Staubsaugen willst entsteht ein unüberschaubares Chaos. Nein, wir müssen einen Schritt nach dem anderen machen. Schließlich backst du einen Kuchen auch so, dass du einzelne Schritte in der richtigen Reihenfolge bearbeitest. Oder würdest du den Kuchenbelag schon in den heißen Ofen schieben, bevor du den Teig zusammengerührt hast?

Nun mal Butter bei die Fische. Fang an EINE SACHE zu verändern. NUR eine Sache. NUR in einer Lebensaufgabe. Stelle dir dazu folgende Frage:

Wenn ich in der Lebensaufgabe xyz mutiger wäre, was würde ich dann tun?

Schreibe täglich 3 Dinge auf, die du tun würdest, wenn du in der Lebensaufgabe xyz (pick dir die Lebensaufgabe raus, an der du arbeiten möchtest) mutiger wärst. Schreib alles auf, was dir einfällt, du musst nichts davon KANNST.

Und dann fang an. Bleibe zunächst bei einer Lebensaufgabe und schaue, dass du dort auf der Zufriedenheitsskala nach oben kommst. Suche dir aus deiner Liste eine Sache aus, die dir machbar erscheint. Nur eine. Mach kleine Schritte, von mir aus winzige Schritte, aber mach sie.

Und du wirst sehen, auch mit kleinen Schritten kommst du vorwärts. Befülle das oberste Glas deiner neuen Sektglaspyramide. Befülle es immer weiter, so lang, bis es überläuft und alle weiteren Gläser auch befüllt.

Hab Freude damit!

Übrigens: falls du das Gefühl hast, 3 Lebensaufgaben seien zu wenig: später wurden noch 2 weitere Lebensaufgaben festgelegt: der Umgang mit sich selbst und die Beziehung zum Kosmos/Spiritualität. Der Einfachheit halber habe ich diese beiden Aufgaben nicht in den Artikel mit aufgenommen.

Bildquelle: pixabay


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